Ukraine: Alltag im Krieg – Wenn der Ausnahmezustand zur Normalität wird

Shownotes

Wie fühlt sich ein Alltag an, in dem jederzeit Sirenen heulen können? In dieser Folge von Ostblick sprechen wir über das Leben in der Ukraine im Krieg.

Die 19-jährige Studentin Anna Sobolevska berichtet, wie sie Studium, Ehrenamt und ständige Unsicherheit miteinander vereint – und warum sie trotzdem optimistisch bleibt.

Renovabis-Expertin Katharina Ebel ordnet die Situation ein: Sie beschreibt, wie sich der Krieg auf Gesellschaft und Psyche auswirkt, warum viele Rückkehrer traumatisiert sind – und welche Rolle soziale Projekte beim Wiederaufbau spielen.

👉 Eine Folge über Angst und Verlust, aber auch über Resilienz, Solidarität und Hoffnung.

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Credits an Nicolas Riedmiller.

Transkript anzeigen

((Luftalarm))

Stell dir vor: Du sitzt im Hörsaal – und plötzlich geht der Luftalarm los.

Du packst deine Sachen und gehst in den Keller. Nicht nur einmal. Sondern immer wieder…

Anna: Studierende in der Ukraine müssen manchmal ohne Licht, ohne Strom studieren. Bei Luftalarm müssen wir aus dem Hörsaal in den Keller wechseln. Trotzdem wird uns das Studium irgendwann hoffentlich helfen, unser Land weiterzubringen und wiederaufzubauen. Das gibt uns die Kraft weiterzumachen, egal wie die Umstände grade sind.

Das ist Anna. Sie ist 19, kommt aus Lwiw, im Westen der Ukraine, und sie studiert Politikwissenschaften im 3. Semester. In dieser Folge erzählt sie wie die russische Invasion auch ihr Leben auf den Kopf gestellt hat.

„Ostblick - der Podcast über Osteuropa.“

Hier sprechen wir mit echten Menschen von vor Ort, die sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in ihrem Land einsetzen. Und mit Experten, die uns wichtige Hintergründe liefern. Heute geht’s in die Ukraine… Von allen Ländern in Osteuropa wissen wir in Deutschland darüber wahrscheinlich am meisten. Das Land ist aus unseren Nachrichten nicht wegzudenken. Außerdem haben viele von Euch kurz nach der russischen Invasion Ukrainer aufgenommen oder kennen vielleicht jemanden, der welche aufgenommen hat. In dieser Folge geht’s darum, wie der Krieg den Alltag der Menschen vor Ort verändert. Und wie soziale und humanitäre Projekte einen Unterschied machen können. Ich bin Elena, eure Host. Schön, dass ihr dabei seid!

Annas Vater ist in der ukrainischen Armee. Beim Abschied hat er ihr noch gesagt, er will nur verschlüsselte Nachrichten für das ukrainische Militär übersetzen – im Raum Kiew. Doch dann ein paar Tage später kam der Anruf dann von der Front. Er habe sich freiwillig zum Kampf gemeldet. Ich frage Anna, ob sie sich Sorgen macht. Ihre Antwort überrascht mich:

Anna: Ich bin, was das angeht, optimistisch. Mein Großvater war von 2016 bis 2022 im Einsatz, jetzt ist er in Rente. Er ist bewahrt geblieben und kam gesund zurück. Ich hoffe meinem Vater ergeht es genauso.

Denn was viele vergessen: Nicht erst 2022 hat Russland die Ukraine angegriffen. Schon mit der Annexion der Krim ging’s los, 2014. Seitdem herrscht Krieg um den Donbass. Rund 6 Millionen Menschen haben die Ukraine mittlerweile verlassen. Die ukrainische Regierung meldet 55.000 getötete Soldaten, westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass es mehr als doppelt so viele sind.

Zahlen, die furchtbar klingen und entmutigen können, aber Menschen wie Anna wollen gerade jetzt stark sein – für ihre Familie, für ihre Heimat. Sie engagiert sich neben ihrem Studium in zahlreichen Projekten. Zum Beispiel hat sie mal zwei Monate lang zusammen mit 60 Schülerinnen und Schülern Essen für ukrainische Soldaten zubereitet.

Anna: Die Idee hatte ich zusammen mit meinen Kommilitonen von der Katholischen Universität in Lwiw. Wir haben Schulen in der Umgebung angeschrieben und die Schulleitungen haben uns erlaubt, in ihre Klassen zu kommen und Workshops zu geben. Unser Team bestand aus zehn Studenten. Wir haben das Projekt komplett selber geleitet. Vorab haben wir aufgerufen zu Lebensmittelspenden. Sogar die Eltern der Schüler haben Zutaten gespendet. Ich glaube, dass das super wichtig ist – dass alle Generationen an einem Strang ziehen. Sonst gibt es in der Gesellschaft keine Einigkeit. Für die Schüler war es eine gute Erfahrung, denke ich. Sie werden sich hoffentlich in der Zukunft daran erinnern und selber freiwillig engagieren.

Anna zeigt mir Videos, in denen Neuntklässler – ausgestattet mit Schürzen und Plastikhandschuhen – Zutaten in 600 Tüten füllen: Haferflocken kommen rein, Milchpulver und getrocknetes Obst. Später verpacken die Schüler Tüten in große Kartons und verladen die Mahlzeiten in Kleinbusse. Um den Rest kümmert sich eine NGO, die Volunteer Kitchen in Lwiw.

Neben solchen Workshops an Schulen kümmert sich Anna an ihrer Uni um Erstsemester oder organisiert Online-Events für Studierende aus dem Ausland…

Ich find’s mega, wie Anna das alles unter einen Hut bekommt – Ehrenamt, Studium und dazu noch richtig gute Noten. Ich will von ihr wissen: Wo kriegt sie die Energie für das alles her? Was motiviert sie in ihrer Freizeit, für Andere da zu sein?

Anna: Es gibt mir einfach das Gefühl von Gemeinschaft, weil meine Freunde sind ebenfalls sehr aktiv sind. Zudem kann ich meine Persönlichkeit weiterentwickeln. Freundlich zu meinem Mitmenschen zu sein, bedeutet freundlich zu sich selbst zu sein. (…) Und es ist ja auch so: Ich wohne in Lwiw, in der Westukraine. Ich fühle mich hier relativ sicher. Da sind Andere viel stärker in diesen Krieg involviert und leiden auch viel mehr. Deshalb versuche ich anderen etwas von meiner Zeit geben, und so zu helfen.

Außerdem sagt Anna: Sie bekäme viel zurück. Das sei für sie wie eine Kraftquelle, um weiterzumachen. Es gehe ihr darum, ihr Land nach vorne zu bringen – auch in Kriegszeiten.

Bei unserem Gespräch wirkt sie sehr bedacht und super verantwortungsbewusst. Gleichzeitig ist sie erst 19! Ein ganz normales Mädchen mit Kapuzenpulli und Brille, die gerne Sport macht und sich mit Freundinnen trifft. Ohne diesen Krieg würde sie vermutlich ein anderes Leben leben.

Annas Optimismus beeindruckt mich. Aber ist das typisch für die Ukraine? Ich will mehr darüber wissen, wie Menschen in der Ukraine unter diesen widrigen Umständen leben und frage nach bei Katharina Ebel. Sie arbeitet bei Renovabis. Das katholische Hilfswerk für die Menschen in Osteuropa unterstützt unter anderem Studierende wie Anna mit einem Stipendium, damit sie ihre Miete fürs WG-Zimmer und die Studiengebühren zahlen können. Katharina ist beim Hilfswerk zuständig für die Ukraine, war also selber schon mehrfach vor Ort. Hallo Katharina!

Katharina: Hallo, grüß dich!

Elena: Aus Annas Berichten hört man so einen gewissen Optimismus heraus - was eigentlich verrückt ist, weil die Ukraine jetzt schon seit 2022 diesen Angriff Russlands erlebt und tagtäglich bombardiert wird. Ist das ein Einzelfall? Sind die Leute immer noch so engagiert und resilient wie am Anfang – oder werden sie doch langsam kriegsmüde?

Katharina: Ein Einzelfall ist Anna sicherlich nicht. Nach Außen, wenn man sie nur kurz kennt, wirken sie auch wahnsinnig resilient, und ich glaube die Ukraine SIND auch extrem resilient, aber du siehst auch ne Kriegsmüdigkeit. Wenn man sich vorstellt, dass jeder nen Angehörigen an der Front hat, viele haben schon jemanden verloren. Ich weiß nicht, ob ich meine Familie durchkriege, ob alle aus dem Krieg heimkommen, ob das Land noch mein Land bleibt. Das sind natürlich Stressoren, die jeden Tag da sind und die an der Resilienz auch ganz schön knabbern.

Aber sie machen halt einfach weiter und ich glaube das hält sie auch am Laufen. Ich glaube es ist urmenschlich, dass jemand der selbstwirksam ist, dass der auch resilient ist, Hoffnung schöpft und auch nicht so schnell aufgibt.

Elena: 2025 warst du dreimal dort, allerdings jetzt nicht an der Front oder in den Ostgebieten. Das wäre wahrscheinlich auch viel zu gefährlich, aber du warst in Kiew und auch im Westen des Landes. Wie hast du da so den Alltag der Menschen erlebt?

Katharina: Das war ein bisschen ungünstig vom Zeitpunkt gewählt, weil es zur Zeit der Gefangenenaustausche war und da kam es dann noch mal zu einem sehr viel höheren Angriffsaufkommen. Und das heißt, wir haben fast jede Nacht in irgendeinem Shelter verbracht.

Elena: In nem Bunker.

Katharina: Genau, in einem Bunker. Das heißt, du hast ein Hotel gehabt oder wo auch immer. Und dann kamen in der Nacht die Alarme und du musstest letztendlich aus deinem Zimmer raus und rein in den Bunkern. Das kann ein Keller sein, das kann ein U-Bahn-Schacht sein, was auch immer, aber Schlafen ist halt dann nicht. Auf der anderen Seite hast du dann morgens oder tagsüber Leute, die ganz normal zur Arbeit gehen, Kinder, die in die Schule gehen. Ich spreche jetzt aber vom Westen der Ukraine. Die in die Schule gehen, Leute die im Park mit ihrem Hund spazieren gehen, Sport machen. Das heißt, du hast da ein normales Leben, normalen Alltag. Und dann kommt halt die Nacht und die ist dann wieder völlig anders.

Elena: Wie macht sich der Krieg im Stadtbild bemerkbar? Du hast im Vorgespräch erwähnt, dass Invaliden oder Soldaten auch durchaus mittlerweile dazugehören.

Katharina: Richtig. Wenn du in Lwiw bist, aber auch natürlich in Kiew, dann hast du schöne Städte, schöne Altstädte. Du hast wirklich schöne Läden überall. Und dann hast aber mittlerweile dann eben auch die Soldaten, die vom Krieg heimgekehrt sind, die verwundet wurden. Das heißt, Amputationen hatten, du schwere Verwundungen auch im Gesicht siehst, das heißt von Minen verursacht, meistens, oder auch von Artillerie. Das alles kommt halt da zusammen. Du hast regelmäßig Gottesdienste, wo die Soldaten Kameraden zu Grabe tragen. Du hast recht große Friedhöfe, die sich sehr schnell füllen. Und da siehst du dann eben die Frauen, die Mütter, die Angehörigen, die dort trauern. Und das kommt da eben alles zusammen. Ich glaube, an solchen kleinen Beispielen versteht man dann auch den alltäglichen Stress, den es dort gibt. Man hat jeden Tag, und zwar jeden Tag um neun Uhr, eine Schweigeminute, da steht das komplette öffentliche Leben still und da gedenkt man der Toten, aber eben auch der Soldaten, die an der Front kämpfen für das Land.

Elena: Und das Krasse ist ja, dass fast jede Familie in irgendeiner Weise involviert ist oder jemanden kennt, der im Krieg ist, an der Front ist. Und auch das ist ja eine krasse psychische Belastung, weil man sich ständig Sorgen macht um seine Angehörigen und hofft, dass derjenige eben noch lebt, noch nach Hause kommt. Und das ist auch der Wunsch der Familien. Wenn diese Rückkehr dann stattfindet, dann ist das nicht nur einfach, das hast du auch beobachtet. Inwiefern kommen diese Menschen anders zurück, als sie gegangen sind?

Katharina: Wenn man sich allein die Situation vorstellt: Nehmen wir mal einen 20-Jährigen, ein normaler Student, geht an die Front, weil er sein Land verteidigen will, und wird mit einer völlig anderen Realität konfrontiert. Das heißt, also man kommt da nicht nach einem Monat wieder heim, sondern man bleibt da über Jahre teilweise. Man erlebt, wie Andere fallen, wie man vielleicht selbst verwundet wird. Man ist in ständiger Gefahr unter ständigem Stress und man lebt auch für die Kameradschaft. Das ist so die eine Seite. Und auf der anderen Seite sind eben die Familienangehörigen, die versuchen, in einem normalen Alltag zu leben, den Alltag auch aufrecht zu erhalten. Wenn jemand sich dann plötzlich darüber definiert, dass er eben für seinen Land kämpft, für seine Kameraden da ist. Und nehmen wir mal an, der wird verwundet und wird deswegen wieder nach Hause geschickt. Über was definiere ich mich dann noch? Dann habe ich plötzlich keinen Job. Ich bin für meine Familie, also aus deren Sicht, in dem Sinne nicht nützlich, ich bin für das Land nicht nützlich. Das heißt, die stecken in einer ganz tiefen Krise. Wenn sie dann auch noch irgendwo eine Amputation hatten, wird es natürlich noch schwerer, wenn sie Traumata erlitten haben, also kriegstraumatisiert sind letztendlich, zusammenzucken, wenn es zu einem Knall kommt, dann ist diese Realität plötzlich nicht mehr vereinbar mit dem, was eine normale Familie täglich macht. Und das führt zum einen zu Depressionen, zum anderen aber auch zu Alkoholmissbrauch, Drogenmissbrauch, das führt zu Aggression. Und das macht so einer Familie oder auch Angehörigen das Leben natürlich auch nicht gerade einfach.

Wissensinsel: (akustisches Signal?)

Elena: Katharina erzählt mir, dass manche Soldaten nicht mehr unterscheiden können - zwischen Einbildung und Realität und dadurch ein unangepasstes Verhalten an den Tag legen. Zum Beispiel sehen sie im Sandkasten plötzlich einen Schützengraben oder scannen ständig ihre Umgebung ab, weil sie sich bedroht fühlen.

Typische Symptome einer posttraumatische Belastungsstörung. Sowas kann auftreten, wenn Soldaten an der Front Beschuss erleben und gewaltvolle Gefechte, z.B. wenn sie sehen wie ein Kamerad verletzt oder getötet wird oder wenn jemand in Kriegsgefangenschaft kommt. Betroffene bekommen Flashbacks und erleben das Trauma immer und immer wieder.

Gesicherte Zahlen, wie viele in der Ukraine eine posttraumatische Belastungsstörung haben, gibt‘s bislang nicht. Manchmal treten die Symptome erst Monate später auf. Aber zum Vergleich: In den USA, wo viele Soldaten im Vietnamkrieg gekämpft haben, waren danach schätzungsweise sieben Prozent der Veteranen im Nachhinein betroffen.

Viele Kriegsrückkehrer reden nicht so gerne über das Erlebte, wollen es verdrängen. Das ist ziemlich problematisch: Denn je früher die Störung erkannt und behandelt wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer Heilung.

Doch für viele der Veteranen ist es alles andere als einfach, sich Hilfe zu suchen:

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In der Ukraine gibt es natürlich jetzt zahlreiche Reha-Programme, also sowohl physische als auch psychische Reha-Programme. Aber trotzdem ist es natürlich auch für Soldaten oder vielleicht auch gerade für Soldaten schwer, dann auch solche Schwächen einzugestehen, sich in eine Behandlung zu begeben. Und das sehen wir halt auch immer wieder in den Projekten und die Projektpartner berichten immer wieder davon. Und die Soldaten selber natürlich auch, die dann auch sagen so, ja, so. Ich habe schon gemerkt, dass ich aggressiv war und ich wusste auch nicht, wo es herkommt. Aber ich lege mich da nicht auf die Couch. Das ist natürlich dann auch ein Selbstbild, was man hat, was dann auch nicht übereinstimmt mit der, nicht mehr mit der Realität. Auch das eingestehen von Schwäche heißt ja dann auch erst mal, dass ich mich dann auch schwach fühle. Und das will ich natürlich unter allen Umständen vermeiden. Insofern die Ukraine hat in der Hinsicht sicherlich noch einiges vor sich.

Elena: Wir wollen hier im Podcast viel auch über das Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt sprechen. Wie können soziale Gräben überwunden werden? Denn auf der einen Seite ist da das, was du beschreibst: Dieser Einsatz, dieses gemeinsame Ziel, das Land zu verteidigen, grenzenlose Solidarität. Und auf der anderen Seite verschärft der Krieg natürlich auch gesellschaftliche, strukturelle und soziale Gräben. Wie passt das zusammen?

Katharina: Ich würde sagen, das nennt man Realität. Eine Realität ist immer komplex und vor allen Dingen ein Krieg macht so eine Realität natürlich noch viel komplexer, genauso wie ich nicht sagen kann, okay, in der kompletten Ukraine herrscht Krieg in gleichem Maße. Also wenn ich in den Osten gucke, dann haben die da schwere Kämpfe und Kampfhandlungen. Im Westen haben sie ganz andere Probleme. Da haben sie mit der Aufnahme von Geflüchteten zu tun. Und steigenden Mieten und plötzlich Enge und so weiter, aber dafür relative Sicherheit. Und genauso ist es dann eben auch in allen anderen Bereichen. Also ich habe Leute, die sich freiwillig gemeldet haben, gleich zu Anfang des Krieges. Und teilweise tun sie das auch immer noch. Und ich habe Leute, die von vornherein gesagt haben, ich bin gegen Krieg, ich bin Pazifist, ich kämpfe nicht. Menschen, die ihre Söhne ins Ausland geschickt haben. Ich wüsste nicht, welche Mutter man das verübeln könnte, dass sie ihren Sohn im Ausland wissen möchte, und zwar in Sicherheit. Wenn ich täglich sehe, wie Söhne in dem gleichen Alter sterben und auf Friedhöfen enden. Aber damit muss so eine Gesellschaft natürlich umgehen. Wenn ich gerade jemanden verloren habe, dann ... Entweder ich reagiere mit: Ok ich verstehe, dass jemand seinen Sohn nicht schickt. Oder ich reagiere mit, ich habe meinen Sohn geopfert. Warum opferst du deinen nicht? Ich glaube, das sind gesellschaftliche Auseinandersetzungen, die geführt werden müssen, aber die auch immer da sind.

Was würdest du sagen, braucht die Ukraine, braucht die Gesellschaft jetzt gerade am dringendsten?

Katharina: Ich denke, was sie ganz dringend brauchen, ist, dass man ihnen immer wieder Mut zuspricht und Hoffnung macht. Weil natürlich sind solche, so eine ständige Alarmbereitschaft, so ein ständiger Stress, die ständige Angst, dass das Angehörige sterben, extrem belastend, ermüdend. Und ich glaube, das zermürbt einfach jeden. Dem etwas entgegenzusetzen, ist, glaube ich, wahnsinnig wichtig und ich glaube, wenn man dann Unterstützung erhält und weiß, okay, da sind noch andere, die zu uns stehen, ist das, glaube schon mal ein Licht am Ende des Tunnels. Zu hören, die Hilfen werden immer weniger und ihr steht jetzt irgendwie demnächst alleine da, ist sicherlich keine Hilfe.

Elena: Die Spendenbereitschaft geht zurück.

Katharina: Ja natürlich, die Hilfsbereitschaft geht zurück, weil wir natürlich auch viele andere Krisen mittlerweile haben, die auf einem ähnlich hohen Level von Schwere sind und von humanitärer Katastrophe. Und da kann man dann auch nur hingehen und das versuchen wir natürlich, dass man sehr transparent kommuniziert, aber eben auch Lösungen aufzeigt. Dass man auch guckt, welche Ressourcen haben wir denn intern, also in der Ukraine? Wie man die am besten unterstützen, wenn man jetzt zum Beispiel hingeht und sagt, wir haben das Problem, dass wir viele Binnenvertriebene haben, die seit vielen Jahren in Unterkünften wohnen. Dann haben wir jetzt gesagt, was können wir machen? Wir haben ein Projekt in den Karpaten und haben dann gesagt, da ist viel Land drumherum. Wie wäre es denn, wenn wir zum einen schauen, dass wir da quasi einen Bauernhof draus machen mit Viehbetrieb, mit Landwirtschaft, mit Anbau, die Leute, die dort leben, zu ihrem Lebensunterhalt beitragen können, weil sie eben auf der Farm arbeiten, was gleichzeitig den Vorteil von Heilung hat, weil sie natürlich auch abgelenkt sind, einen strukturierten Tagesablauf dadurch haben. Und gleichzeitig sich selbst versorgen und die Überschüsse verkauft werden können, sodass sich dieses Projekt dann mehr oder minder auch selber trägt. Das heißt, ich versuche andere Ansätze. Oder ein anderes Beispiel wäre der Bedarf an Arbeitskräften in Männerberufen ist extrem hoch. Also was Bau angeht, was Logistik angeht, was Infrastruktur angeht, was Handwerk angeht. Dann zu gucken: Ok wie kann ich denn Frauen vielleicht in diesen Berufen ausbilden? Das sind dann Systeme, die man eher schaffen muss oder Lösungen, die man kreieren muss, die holistisch funktionieren. Man muss halt eher aufs Ganze gucken und weniger aufs Individuum, was in der humanitären Hilfe natürlich nicht ganz selbsterklärend ist. Also wenn man jetzt sagt, okay, weg von der Nothilfe-Logik und hin zu Wiederaufbau, dann heißt das eben auch in der Hinsicht ein Umdenken.

Elena: In deiner Biografie finde ich ja besonders spannend, dass du professionelle Katastrophenmanagerin bist und auch Entwicklungshelferin. Du hast das studiert und du hast auch schon in ganz vielen Ländern, in Süd- und Ostafrika gearbeitet, auch für eine andere große namenhafte Hilfsorganisation. Du warst in Syrien unterwegs, in Afghanistan und im Irak. Du hast also schon wirklich viele Abgründe gesehen. Was macht das eigentlich mit dir, diese Not zu sehen. Oder würdest du sagen: Du hast schon so viel gesehen, du bist völlig abgehärtet?

Katharina:

Zum einen ist es, glaube ich, immer schwer, Krisen zu vergleichen, also auch Kriege zu vergleichen letztlich. Die Ukraine unterscheidet sich aber in der Hinsicht, dass das eine extrem moderne Kriegsführung ist. Das heißt, die Kollateralschäden sind natürlich auch wahnsinnig hoch.

Ich glaube, die erste Regel ist, sich nicht vom Mitleid leiten zu lassen. Also wenn man in diesem Umfeld tätig ist, in dem ich es bin. Das ist ein schlechter Berater. Ich würde sagen, sonst bräuchte man mich nicht. Dann würde man alles von Innen heraus machen. Also das heißt, ich muss objektive Entscheidungen treffen können.

Wenn du allerdings in der Ukraine bist, dann kommst du nicht drum rum, dass es dich irgendwo angeht, dass es dich berührt. Wenn du diese Friedhöfe siehst, wenn du die Trauernden siehst. Wenn du deine Alarm-App mitten in der Nacht um vier hörst und dann ins Kellergeschoss rennst, dann macht das was. Und wenn du dir dann noch vorstellst, dass du das jetzt nur im Westen machst, und es da relativ sicher ist. Und dass das eine völlig andere Situation ist für die Leute in den Ostgebieten, die mehrfach geflohen sind, deren Häuser zerstört wurden, die keine Heizung, kein Wasser mehr haben, deren Kinder nur noch Online-Unterricht haben seit vielen Jahren. Dann müsste man schon eine Maschine sein, wenn es einen nicht berührt. Für mich war bislang, und das galt für jede Krise: Es ist die Dosis. Und wenn ich merke, dass ich zu arg involviert bin, dann muss ich die Dosis reduzieren. Dann muss ich Abstand nehmen, da muss ich rausgehen, dass ich meinen Kopf wieder freikriegen muss. Um wieder vernünftige Entscheidungen treffen zu können.

Elena: Was macht dir denn persönlich Spaß an dieser Arbeit?

Katharina: Tatsächlich die Arbeit mit den Kollegen vor Ort, was ich wirklich gerne mache, ist, vielleicht bin ich ein Tüftler. Ich gucke mir eine Situation an und wenn sie noch so schwierig ist, ich will eine Lösung finden. Diese Lösung muss intelligent sein, sie muss kreativ sein, die darf keine abhängigen Systeme schaffen. Ich will Dinge verändern und zwar zum Positiven und da kann ich auch einen großen Ehrgeiz entwickeln. Und naja, ich glaube, dann bin ich da auch ganz richtig, weil da gibt es viel Potenzial.

Elena: Danke für deine Einschätzung.

Katharina: Gerne. Ich hab mich gefreut.

Nach dem Gespräch mit Katharina ist mir klar: „Alltag im Krieg“ – bedeutet immer beides: Angst, Verlust und Unsicherheit. Aber eben auch: Zusammenhalt und Hoffnung. Wenn Menschen vor Ort selbst aktiv werden, dann lässt sich die Unsicherheit besser aushalten. Essentiell für ein Land im Ausnahmezustand.

Anna macht übrigens grade ein Auslandssemester in Belgien. Dort kann sie zumindest ein bisschen Normalität erleben – ohne Luftalarm.

Anna: Die Studenten hier gehen nachts aus, Feiern. In der Ukraine war das bei uns nicht so üblich. Und es fühlt sich natürlich sicher an – für die Psyche. Ich kann durchschlafen. Und das genieße ich sehr!

Wenn euch die Folge gefallen hat, dann abonniert den Podcast und lasst uns unbedingt ne Bewertung da. In der nächsten Folge geht’s dann nach Zentralasien: genauer gesagt nach Kasachstan. Und auch da stellen wir euch wieder ein Projekt vor, das einen positiven Impact auf die Gesellschaft hat: Konkret geht es um Kinder mit Behinderung, die ziemlich abgehängt sind.

Ich bin Elena. Und freu mich wenn ihr wieder reinhört.

„Ostblick – der Podcast über Osteuropa. Eine Kooperation von Domradio.de und Renovabis, dem katholischen Hilfswerk für die Menschen in Mittel- und Osteuropa.“

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